Für künstliche Intelligenz fehlen der Kunst noch die Worte

„Künstler nehmen sich des Themas künstliche Intelligenz verstärkt an, und es ist spannend zu beobachten, wie vielfältig die entstehenden Werke sind“, sagt Dominika Szope, Leiterin der Abteilung Kommunikation und Marketing am ZKM in Karlsruhe. Einen großen Fokus nähme momentan die ethische Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz ein. Dominika Szope wird auf der OPEN! 2017 mit diskutieren in der Podiumsdiskussion „KI – Katalysator oder Feind einer offenen Gesellschaft?“.

Aktuell läuft im Zentrum für Kunst und Medien, ZKM, in Karlsruhe die Ausstellung „Open Codes“. Eines der dort präsentierten Werke stammt von Matthieu Cherubini. Der Künstler greift die Frage auf, ob und wie Algorithmen der künstlichen Intelligenz, KI, ethische Aspekte einbeziehen können und sollen. Cherubini hat drei unterschiedliche Algorithmen für das autonome Fahren entwickelt, die in Gefahrensituationen unterschiedlich entscheiden – je nachdem, welche Präferenz dem Algorithmus diktiert wurde. Der humanistische Algorithmus versucht, den Schaden für alle Beteiligten möglichst klein zu halten. Er nimmt dabei in Kauf, dass möglicherweise Fahrer, Beifahrer, Fußgänger, Rad- und weitere Autofahrer gleichermaßen Schäden erleiden. Der protektive Weg schützt vor allem Fahrer und Beifahrer – zulasten der anderen Verkehrsteilnehmer. Der profitorientierte Algorithmus orientiert sich an finanziellen Motiven, wie zum Beispiel, Sachschäden gering zu halten. Der Betrachter kann diese Szenarien durchspielen. Das führt zu grundsätzlichen Ethikfragen: Sind diese Algorithmen vertretbar? Wer entscheidet darüber, welcher Algorithmus im Fahrzeug genutzt wird? Wäre es zulässig, beim Fahrzeugkauf einen bestimmten Algorithmus als Ausstattungsmerkmal zu ordern?

„Cherubinis Arbeit ist ein gutes Beispiel, wie sich Künstler zurzeit dem Thema KI nähern. Im Vordergrund stehen die potenziellen gesellschaftlichen Auswirkungen der künstlichen Intelligenz. Diese Vorgehensweise der Kunst liegt nahe – hinterfragt und reflektiert sie doch seit jeher Tun und nimmt mitunter die Rolle eines Korrektivs ein. “, erklärt Dominika Szope vom ZKM.

Sprachhürden erschweren die Annäherung

Manifeste von Robotern auf Papier geschrieben (Bild: Pixabay/geralt)KI als Technologie in Konzepten und Werken einzusetzen, wird für Künstler von immer größerem Interesse und es gibt zunehmend künstlerische Ansätze, sich KI-Technologien zu eigen zu machen . Jedoch sind Künstler nicht die einzigen Akteure im Kunstbetrieb, die auf der Suche sind. „Wir stellen fest, dass sich Kuratoren mitunter noch schwer tun, KI richtig einzuordnen, zu verstehen und zu beschreiben“, sagt Szope. Das Dilemma: Wenn es künstlerische Ansätze mit KI gibt, dann sind sie so neu und jenseits des Gewohnten für den Kunstbetrieb, dass sie mit dem etablierten „kuratorischen“ Vokabular nur unzureichend erklärt werden können.

Die Manifeste der Roboter

Ein Beispiel für neue Technologien, die aus dem Umfeld der KI stammen und im künstlerischen Kontext eingesetzt werden, ist die Arbeit der Gruppe robotlab. Die Gruppe besteht aus dem Produktdesigner Matthias Gommel, der Programmiererin Martina Haitz und dem Medienkünstler und -wissenschaftler Jan Zappe. Sie lassen Industrieroboter von Kuka beispielsweise Manifeste schreiben. Die Computer, die die Roboter steuern, greifen auf einen großen Fundus an Worten und Satzfragmenten aus unzähligen Themenbereichen zurück.

Jedes der Manifeste besteht aus thesenartigen Sätzen, die von dem Industrieroboter eigenständig generiert und niedergeschrieben werden. Durch die Kombination von System und Zufall ist jedes geschaffene Manifest ein nummeriertes Unikat. Der Roboter hat keinen ihm innewohnenden Willen zur Sinngebung und Sinnsuche und ist somit frei in der Wahl seiner Worte. Die Aussage eines jeden Manifests ist individuell und vollzieht sich erst in der Wahrnehmung des Lesers, der instinktiv nach dem Sinn der eigenwilligen Thesen fragt. „Dieses System lernt zwar nicht fortwährend aus seinem Tun, vielmehr kombiniert es Sätze nach Algorithmen“, erläutert Szope, „aber die Leute nehmen die Texte und werden durch die Sätze durchaus zum Nachdenken und Hinterfragen angeregt.“

Obwohl der KI-Aspekt hier bei Weitem noch nicht ausgereizt ist, gibt robotlab eine Idee, was geschehen könnte, wenn KI mit ins Spiel kommt. Denkbar wäre ein Wechselspiel zwischen den Betrachtern und der KI. Jeder Nutzer könnte mit seinen Rückmeldungen an die KI die Algorithmen und das selbstlernende Moment der KI dirigieren – zu mehr Sinn oder mehr Unsinn in den Texten. Alles offen. Die Kunst räumt diese Freiheit im Umgang mit KI ein. In der Technik, wenn der Zweck vorherrscht, ist das nicht möglich.

Bereits angekommen: VR

Virtual Reality ist mittlerweile in der Gesellschaft angekommen (Bild: Pixabay/Pexels)Verglichen mit KI ist Virtual Reality, VR, schon in Kunst und Kultur etabliert. Das erste VR-System, das mit einfachen Grafiken aus Computern und einer Datenbrille arbeitete, wurde 1968 von Ivan Sutherland und Bob Sproull vorgestellt. Die Brille war klobig und musste an der Raumdecke befestigt werden, der Nutzer konnte sich nicht frei bewegen. Die Technik funktionierte prinzipiell, aber die Einschränkungen waren zu groß. VR verschwand in den Schubladen der Technologiepioniere von damals. Erst um 1984 prägte Jaron Lanier den Begriff Virtual Reality. Lanier entwickelte unter anderem Schnittstellengeräte wie Datenhandschuhe und VR-Brillen. Die Preise für die Geräte damals: um 9000 US-Dollar.

Nach über 30 Jahren ist VR erschwinglich

Die Preise sind gefallen, die technischen Möglichkeiten sind gestiegen. VR ist inzwischen erschwinglich für Hightechfreunde, Spielefans und auch für Kultureinrichtungen. Dominika Szope sieht in VR jedoch keine Zukunftstechnologie: „VR ist eine Anwendung, eine andere, eine erweitere Möglichkeit visuelle Welten zu erleben. Sie ist eine Technologie, die angekommen ist und sich im Hinblick auf die technologischen Devices weiterentwickeln wird. Sie wird für die Wirtschaft, für die Game-Industrie, aber auch für Produktion und beispielweise das Ingenieurwesen weiterhin eine große Rolle spielen. KI hingegen ist eine neue Art mit der Lebens- und Arbeitswelt umzugehen, und wir stehen hier am Anfang einer fundamentalen Entwicklung, die es zu formen und zu gestalten gilt.“

VR ist in Kunst und Kultur präsent und wird als technologische Basis für künstlerische Konzepte und für Ausstellungen eingesetzt. Die Miniaturisierung wird fortschreiten, die Rechenkapazität wird weiter wachsen, Kunst und Kultur werden das zu nutzen wissen.

Förderung – ein Schlüssel für KI in Kunst und Kultur 

Dominika Szobe vom ZKM über künstliche Intelligenz in Kunst und Kultur (Foto: ZKM Karlsruhe)Künstler und Kuratoren sammeln mit KI-Technologien, Daten und Algorithmen noch Erfahrungen. Die künstlerischen Umsetzungen werden sicher folgen. Aber: Der Kunst fehlt es an Rechenkapazität. Die ist inzwischen zwar technisch verfügbar, aber für Kunstprojekte im Regelfall zu teuer. „Da brauchen wir mehr private Finanzierung und Unterstützung“, betont Szope. Je neuer das Thema, desto schwieriger ist es, potenzielle Geldgeber zu motivieren. KI gehört zum Neuesten. „Wir würden uns noch mehr Engagement, beispielsweise von IT-Unternehmen, in der Förderung solcher Kunstprojekte wünschen. Für den IT-Bereich könnte ein Blick auf diese künstlerische Produktion bereichernd sein, liefern Künstler doch nicht selten Impulse für Entwicklungen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich“, berichtet Dominika Szope.

KI in Kunst und Kultur – ein Thema der OPEN!  

Vielleicht findet sich nach der OPEN! 2017 der eine oder andere Förderer, der künstlerische KI-Projekte mit Sach- oder Geldmitteln unterstützen will. Wohin die Reise von KI in Kunst und Kultur gehen kann, soll auf der OPEN! 2017 diskutiert werden, am Nachmittag um 15.45 Uhr in der Podiumsdiskussion „KI – Katalysator oder Feind einer offenen Gesellschaft?“. Aktuelle Beispiele für KI präsentiert der Showroom. Dort kann mit Experten diskutiert werden, wie Watson, Roberta, Nao oder Marvin den Weg ins Museum finden könnten. Mit dabei ist ein Beispiel aus dem ZKM.

Autor: Christoph Bächtle

Weitere Infos:

ZKM Karlsruhe
Ausstellung „Open Codes“
OPEN!-Konferenz 2017